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Band 3 von 10

Die Stadt der zerstreuten Stimmen

Ein fremder Blick, ein unbedachtes Wort, und schon verliert das Herz den stillen Stand. Doch wo das Urteil kein Gehör mehr fand, trägt dich die Menge wie ein ruhiger Ort.

Wer am späten Vormittag durch die dichten Straßen einer Stadt geht oder die langen, hallenden Flure eines großen Gebäudes betritt, tritt in ein unsichtbares Meer aus Erwartungen. Es ist ein unaufhörliches Rauschen, das nicht nur aus dem Lärm der Motoren besteht, aus dem Klappern der Schritte auf hartem Stein und dem Summen der Maschinen. Es ist ein feinerer, tiefer liegender Lärm: das stumme, pausenlose Ringen Hunderter Menschen um ihren Platz in den Augen der anderen.

Jeder Blick, der uns im Vorbeigehen streift, scheint eine leise Frage zu stellen. Jeder Schritt auf dem Asphalt wird begleitet von der halb bewussten Sorge, wie man wahrgenommen wird, ob man genügt, ob man standhält, oder ob ein falsches Wort, eine unbedachte Bewegung, ein Augenblick der Schwäche etwas beschädigen könnte, das wir kaum benennen können. Wir tragen unsere Kleidung wie eine Rüstung. Wir setzen ein Gesicht auf wie einen Schild. Wir verändern sogar den Klang unserer Stimme, je nachdem, wem wir gegenüberstehen.

Wie viel Kraft verbraucht ein Mensch an einem einzigen Tag allein dafür, das Bild aufrechtzuerhalten, das er von sich nach außen wirft?

Unter dieser Daueranspannung liegt eine alte, tief sitzende Furcht: die Angst vor der Abweisung. Sie begleitet uns seit den Tagen der Kindheit, seit wir zum ersten Mal spürten, dass ein kühler Blick oder ein hartes Wort die Welt ins Wanken bringen kann. Später, im Erwachsenenleben, hat sich diese Angst nur verkleidet. Sie schleicht sich in die Arbeitsräume, in die Gespräche unter Kollegen, in die flüchtigen Begegnungen an der Kasse und selbst in das Zusammenleben mit jenen, die uns am nächsten stehen. Wir fürchten das Urteil des anderen, weil wir glauben, seine Abwendung könne uns etwas von unserem eigenen Wert nehmen.

Doch wer es wagt, mitten in diesem Lärm der Erwartungen für einen Augenblick stehen zu bleiben und die Haltung des Verteidigens abzulegen, entdeckt etwas Überraschendes über die Menschen, die ihm begegnen.

Der Mann, der im Flur abweisend an dir vorbeisieht, ist vielleicht mit seiner eigenen Sorge beschäftigt. Hinter der scharfen Stimme einer Frau kann eine Überforderung liegen, von der niemand weiß. Wir kennen den Grund oft nicht. Manches raue Verhalten hat mit uns wenig zu tun; manches ist tatsächlich gegen uns gerichtet und braucht eine klare Grenze. Nicht jedes fremde Urteil muss jedoch bis in unser Innerstes gelangen.

Wenn du dies nicht nur verstehst, sondern im Körper spürst, kann die Angst etwas von ihrem festen Grund verlieren.

Wenn du erkennst, dass der andere ebenso sucht, bangt oder nach Schutz verlangt wie du selbst, kann sich die Abwehr in ruhiges Mitgefühl verwandeln. Du musst nicht jedem Urteil ausweichen. Es kann etwas über dich enthalten, das du prüfen willst; oft beschreibt es ebenso die Lage des anderen in diesem Moment. Es darf gehört werden, ohne zum Maß deines ganzen Wertes zu werden.

Es liegt eine unermessliche Freiheit darin, den Wunsch aufzugeben, von allen verstanden oder gutgeheißen zu werden.

Du darfst an einem Menschen vorbeigehen, ohne ihm etwas zu beweisen. Du darfst in einem Raum stehen, in dem Unruhe herrscht, und die Unruhe bei den anderen lassen, statt sie wie ein Schwamm in dich aufzunehmen. Du darfst das unbedachte Wort, den flüchtigen Blick, die spürbare Kälte einfach weiterziehen lassen – wie ein blasses Blatt, das der Wind über die Straße treibt, ohne eine Spur auf dem Stein zu hinterlassen.

Wenn die Notwendigkeit nachlässt, sich ständig zu erklären, wird etwas leichter. Der Lärm der Stadt bleibt hörbar. Du stehst mitten in der Menge, siehst das Eilen und Treiben – und in dir entsteht ein wenig Raum, in dem nicht jedes Urteil dasselbe Gewicht bekommt.

Hier, in dieser einfachen Unaufgeregtheit, kannst du den Menschen anders begegnen. Du siehst sie weniger durch das Gitter deiner eigenen Befürchtungen und eher in ihrer schlichten, oft müden Menschlichkeit. Ohne ein lautes Wort kannst du für jemanden zu einem Ort der Kühlung werden. Einem erschöpften Menschen kann die Begegnung mit jemandem guttun, der gerade nichts von ihm fordert, ihn nicht vorschnell bewertet und ihm erlaubt, für einen Augenblick so zu sein, wie er ist.