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Band 4 von 10

Der Sturm und das stille Verweilen

Wenn grauer Wind die späten Felder beugt und kalter Regen auf die Wege fällt – wer nicht mehr rennt und ruhig stehen bleibt, der findet Frieden mitten in der Welt.

Es gibt Stunden im Leben eines jeden Menschen, in denen das Wetter ohne Vorwarnung umschlägt. Ein einziges Gespräch, eine unerwartete Nachricht, eine plötzliche Absage oder der schleichende Verlust einer Hoffnung genügen, um den Himmel über dem eigenen Dasein zu verdunkeln. Der Wind wird rauer, die Luft kühlt merklich ab, und der Boden unter den Füßen verwandelt sich in zähen, schweren Grund, auf dem jeder Schritt Mühe kostet.

Der erste Reflex des Menschen in einer solchen Stunde ist die Flucht.

Wir ziehen die Schultern hoch, verhärten den Nacken und beginnen zu laufen. Wir suchen Schutz vor dem Regen, verschanzen uns hinter Vorwürfen, quälen uns mit der Frage, warum ausgerechnet jetzt dieses Unwetter kommen musste, und versuchen mit aller Macht, den alten, hellen Zustand zurückzuzwingen. Wir rennen durch den Matsch, verbrauchen unsere letzten Kräfte im Kampf gegen die Elemente – und merken manchmal nicht, wie sehr auch der panische Lauf uns erschöpft.

Wer mitten auf freiem Feld von einem heftigen Regen überrascht wird und vergeblich versucht, trocken zu bleiben, erlebt eine seltsame Verwandlung in dem Augenblick, in dem er aufhört zu rennen.

Wenn der Wanderer begreift, dass es keinen Unterschlupf gibt; wenn er die Schritte verlangsamt, das Tempo herausnimmt und schließlich ganz stehen bleibt, geschieht etwas Unerwartetes. Er hebt das Gesicht, er lässt die Arme locker an den Seiten hängen und erlaubt den Tropfen, seine Haut zu berühren. Das Wasser durchnässt die Kleidung, es kühlt die erhitzte Stirn, es läuft an den Wangen herab – und mit jedem Tropfen fällt eine Schicht des inneren Widerstands ab.

In dem Moment, in dem du dem Regen nicht mehr ausweichst, verliert er seinen Schrecken. Er ist nicht mehr der Feind, der deinen Tag zerstört. Er ist Wasser, das vom Himmel fällt.

Blickt man hinüber zu den alten Bäumen am Rand des Feldes, begegnet man derselben lautlosen Weisheit. Die Eiche kämpft nicht gegen den Herbstwind. Sie versucht nicht, ihre Blätter mit Gewalt zu halten, wenn die Zeit des Loslassens gekommen ist. Sie biegt die Äste geschmeidig mit dem Luftstrom, sie wiegt sich in den Böen und lässt die Tropfen an ihrer rauen Rinde herabperlen. Sie weiß in der stummen Tiefe ihrer Wurzeln, dass kein Sturm für immer währt. Sie hält sich fest in der dunklen Erde und lässt das Unwetter über sich hingehen, ohne ihre Ruhe zu verlieren.

Wie viel Qual bliebe dem Menschen erspart, wenn er diese Haltung auf die Stürme seines eigenen Alltags übertragen könnte.

Wenn in der Arbeit, in den Finanzen oder in den Beziehungen die Wogen hochschlagen, kann das Ereignis selbst schwer und folgenreich sein. Dazu kommt oft das innere Nein – das verzweifelte Aufbegehren eines Verstandes, der ruft, die Dinge müssten jetzt anders sein, als sie sind. Ärger, Enttäuschung und Zukunftsangst legen sich dann als weitere Schichten auf eine Last, die ohnehin getragen werden muss.

Das stille Verweilen ist keine Unterwerfung und kein stumpfes Ergeben in das Schicksal. Es kann ein Augenblick innerer Freiheit sein, bevor wir entscheiden, was Schutz, Grenze oder Handlung verlangt.

Es bedeutet, mitten im Lärm der Ereignisse tief durchzuatmen und zu sich selbst zu sagen: „Jetzt regnet es. Das ist der Augenblick, der vor mir steht. Ich erlaube ihm zu sein.“

Wenn du für einen Moment aufhörst, das Unvermeidliche im Kopf zu bekämpfen, kann es stiller werden. Der Nebel der Panik lichtet sich vielleicht weit genug, dass du den Boden unter den Füßen wieder spürst. Aus dieser Ruhe kann die Kraft für den nächsten Schritt erwachsen – auch für einen Schritt fort aus dem, was dir schadet.

Der Regen mag weiter fallen, die Kälte mag noch eine Weile auf den Wegen liegen. Aber wer gelernt hat, einen Augenblick im Unwetter zu verweilen wie der alte Baum, muss nicht jede Kälte sofort besiegen. Hinter den dichtesten Wolken ist der weite Himmel nicht verschwunden. Und während der Wind weiterzieht, kann der Mensch prüfen, was zu ertragen ist und was verändert werden muss.