Zum Inhalt springen

Entdecken

Band 9 von 10

Die Landung im unendlichen Fluss

Ein stilles Lächeln, das von innen keimt, ganz ohne Grund, wo kein Verlangen brennt – wer sich dem einfachen Strom des Lebens eint, trägt eine Freude, die kein Ende kennt.

Fast alle Wegstrecken unseres Lebens stehen unter dem stillschweigenden Diktat der Bedingung. Wir haben von klein auf gelernt, die Freude an ein Ziel zu knüpfen. Wir glauben, erst glücklich sein zu dürfen, wenn eine Aufgabe vollendet ist, wenn eine Sorge aus der Welt geschafft wurde, wenn die Zahlen Sicherheit versprechen oder wenn andere Menschen uns ihre Zuwendung schenken. Die Freude wird zur Belohnung herabgesetzt, die am fernen Ende einer langen Anstrengung wartet.

Wie brüchig ist ein Glück, das sich vollständig von den Umständen abhängig macht.

Sobald das Gewünschte eintrifft, währt das Hochgefühl oft nur einen Augenblick, ehe die Sorge vor dem Verlust oder das Verlangen nach dem Nächsten den Raum wieder füllt. Wir leben in der ständigen Erwartung des Künftigen und versäumen dabei das einzige Leben, das uns tatsächlich gehört. Wir behandeln den heutigen Tag wie einen Übergang, der ertragen werden muss, um zu einem besseren Morgen zu gelangen.

Doch wer die Waffen des inneren Widerstands für einen Moment niederlegt, kann etwas Unerwartetes entdecken.

Freude braucht nicht immer einen äußeren Anlass. Sie ist nicht nur das Ergebnis eines Sieges und nicht der Lohn für ein fehlerfreies Leben. Manchmal wird sie ohne erkennbaren Grund hörbar, sobald der Druck nachlässt, das Leben müsse erst etwas anderes werden.

Stell dir einen Fluss vor, dessen Wasser lange hinter einem Wehr aufgestaut wurde. Sobald sich eine Schleuse öffnet, strömt Wasser ins Tal. Es muss sich nicht anstrengen, um zu fließen. So kann es auch mit der Freude sein. Wenn der Druck nachlässt, mehr sein zu wollen, als man ist, wenn die Vergleiche für eine Weile verstummen, findet sie manchmal einen Weg.

Diese Freude ist nicht laut. Sie braucht kein Schauspiel und keine künstliche Erregung.

Sie ist leise, tief und von einer unerschütterlichen Milde. Sie zeigt sich in der einfachen Empfindung des Lebendigseins, während du an einem gewöhnlichen Nachmittag durch die Straße gehst. Sie liegt in der Wärme der Sonne auf deiner Haut, im kühlen Zug an deiner Schläfe, im ruhigen Heben und Senken deiner Brust und im schlichten Staunen darüber, dass du da bist und diesen Augenblick bezeugen darfst.

Wer diesen Strom kennt, verlangt von der Welt nicht in jedem Augenblick, dass sie das Glück liefert. Er weiß, dass Freude auch aus dem einfachen Dasein auftauchen kann. In Trauer, Krankheit oder Not darf sie fehlen; ihre Abwesenheit ist kein persönliches Versagen.

Du kannst mitten in einer unscheinbaren Arbeit stehen oder an einem grauen Tag durch den Regen gehen und im Inneren ein tiefes, unangreifbares Wohlgefallen spüren. Die Dinge müssen nicht mehr vollkommen sein, damit du Frieden findest; denn du hast erkannt, dass das Leben in seiner einfachsten Form bereits vollständig ist. Du bist gelandet – nicht an einem fernen Ufer, sondern in der Tiefe dieses einen, kostbaren Augenblicks.