Band 10 von 10
Der Heimkehrer ohne Weg
Kein Pfad ruft mehr in eine fremde Weite, das lange Suchen sinkt in Stille hin – wer heimisch bleibt an seiner eignen Seite, sieht in dem Einfachsten den ganzen Sinn.
Es kann einen Tag auf der Wanderschaft des Menschen geben, an dem das Verlangen nach der Ferne leiser wird. Die vielen Pfade, die wir mit müden Füßen beschritten haben, die Höhen, die wir unter Anstrengung erklommen, und die Lehren, von denen wir uns eine endgültige Antwort auf unsere Unruhe erhofften – all das tritt zurück wie der Nebel am Morgen. Der Wanderer legt seinen Stab ab und setzt sich auf die Schwelle seines eigenen Hauses. Für diesen Augenblick muss er nirgendwo anders sein.
Wie lang und voller Umwege schien dieser Weg.
Wir glaubten, wir müssten besondere Zustände erringen, um im Frieden zu sein. Wir glaubten, wir müssten die Welt überwinden, unsere menschliche Natur hinter uns lassen oder an einen fernen, stillen Ort fliehen, an dem der Lärm der Erde uns nicht mehr erreicht. Wir haben nach dem Unendlichen gesucht und übersehen, dass es uns in jedem gewöhnlichen Augenblick in den Armen hielt.
Die schlichte Entdeckung des Suchenden lautet: Kein Weg kann dich ein für alle Mal zu dir bringen. Heimkehr geschieht dort, wo du wieder bemerkst, dass du da bist.
Du musst keiner Erleuchtung mehr nachjagen, die irgendwo in der Zukunft liegt. Die Befreiung ist kein künftiges Ereignis. Sie ist das ruhige Einverstandensein mit diesem einen, nackten Augenblick. Sie zeigt sich nicht im Außergewöhnlichen, sondern im vollständigen Durchleuchtetsein unseres ganz gewöhnlichen Tages.
Alles bekommt seine ursprüngliche, unverstellte Würde zurück.
Das Schneiden eines Laibes Brot am Küchentisch, das Einschenken von Wasser in einen einfachen Becher, das Zubinden der Schuhe vor dem Hinaustreten in den Morgen – diese schlichten Handlungen brauchen keinen tieferen Sinn, der ihnen erst untergelegt werden müsste. Sie tragen ihn in sich. Wenn du ein Glas Wasser trinkst und ganz darin anwesend bist, berührst du das Geheimnis dieser Welt vollständiger als in den klügsten Büchern.
Der Heimkehrer trägt keine Rüstung mehr und keine besonderen Zeichen.
Er geht unter den Menschen wie jeder andere. Er steht im Stau der Feierabendstunden, erledigt seine Einkäufe, spürt die Kälte des Winters und die Müdigkeit nach einem langen Tag der Arbeit. Darin kann eine tiefe Sanftmut liegen. Er muss nicht jeden belehren und nicht die ganze Welt berichtigen. Wo Verteidigung nötig ist, darf er sich verteidigen; wo sie nicht nötig ist, kann er die Rüstung ablegen. In den Gesichtern der Vorübergehenden erkennt er dieselbe verletzliche Kostbarkeit des Lebens, die er aus seiner eigenen Brust kennt.
Eine große Dankbarkeit durchströmt das ganze Wesen.
Vielleicht entsteht Dankbarkeit für manche schweren Morgenstunden, für einen Regen, in dem wir stehen blieben, oder für eine Enttäuschung, die eine falsche Erwartung löste. Nicht jede Wunde war nötig, und keine muss nachträglich zum Geschenk erklärt werden. Dennoch kann aus dem, was wir überlebt und betrauert haben, Mitgefühl wachsen. Tränen, Irrtümer und dunkle Pfade bleiben, was sie waren; sie dürfen zugleich Teil eines Lebens werden, das weitergeht.
Und was das lange Warten gekostet hat, ist in diesem Augenblick vergessen. Nicht verdrängt, nicht kleingeredet – einfach vergessen, wie man am hellen Morgen die Länge der Nacht vergisst.
Du trittst vor die Tür deines Hauses. Die Abendluft kühlt dein Gesicht. Der Blick hebt sich zum weiten, dunklen Himmel, an dem die ersten Sterne lautlos ihr Licht entzünden.
Du musst in diesem Augenblick nichts mehr werden. Du musst nichts beweisen. Du bist da, im einfachen Geschenk, zu sein. Der Atem kommt und geht. Das Herz schlägt in deiner Brust. Draußen geht die Welt weiter. Und für einen Moment sitzt du ihr gegenüber wie einem alten Freund.